Erprobung einer digitalen Kommunikationshilfe für nicht-deutschsprechende Patient*innen im Braunschweiger Rettungsdienst

 

                               

Grundvoraussetzung jeder medizinischen Behandlung ist, dass sich Patient*innen hinsichtlich ihrer körperlichen Beschwerden gegenüber Behandler*innen verständlich vermitteln können. Nicht-deutschsprachigen Patient*innen ist das aufgrund der bestehenden Sprachbarriere häufig nicht oder nur eingeschränkt möglich und dieser Umstand stellt Behandler*innen und Patient*innen vor große Herausforderungen. Nicht überwindbare Sprachbarrieren können besonders in medizinischen Notfallsituationen gefährliche Auswirkungen haben, z.B. wenn Vorerkrankungen, Medikamentenunverträglichkeiten oder Informationen über die bisherige medizinische Behandlung nicht erfasst werden können, oder wenn der Grund für den Notruf (z.B. ein Unfallhergang) nicht geklärt werden kann. Gleichzeitig fordert die unmittelbare Notfallsituation häufig, dass Einschätzungen und darauf basierende Entscheidungen schnell getroffen werden.

Nach Schätzungen der verantwortlichen Rettungsdienste in Braunschweig, ist in 10% der rettungsdienstlichen Einsätze eine Sprachbarriere vorhanden.

Für Braunschweig betrifft dies neben migrierten Mitbürger*innen mit festem Wohnsitz in Braunschweig (etwa 10% der Braunschweiger*innen haben keine deutsche Staatsbürgerschaft) auch Bewohner*innen der Einrichtungen der Landesaufnahmebehörde, Expats (z.B. Gastwissenschaftler*innen, ausländische Studierende) oder auch Transitreisende. Letztere stellen im Hinblick auf die besondere Lage Braunschweigs an der europäische Ost-West Verkehrsmagistrale A2 einen nicht unerheblichen Anteil des nicht-deutschsprachigen Patientenkollektives dar.

Alarmierungszahlen für den Rettungsdienst sind in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. Besonders in den Braunschweig angrenzenden ländlichen Gebieten zeigen sich bereits heute eine Verknappung der notärztlichen Kapazitäten und eine Verdichtung des Arbeitsfeldes, was die Zeitspanne zwischen Notruf und Eintreffen der Rettungskräfte verlängert. Durch das neue Notfallsanitätergesetz (NotSanG) wurden bzw. werden die Kompetenzen des Rettungspersonals stark ausgeweitet (z.B. eigenständiges Durchführen von heilkundlichen Maßnahmen), sodass ein sicheres therapeutisches Entscheiden in Notfallsituationen durch nicht-ärztliches Personal in Zukunft noch wichtiger wird.

Eine Verbesserung der Kommunikation mit nicht-deutschsprechenden Patient*innen in Notfallsituationen würde sich daher prognostisch günstig auf die gesamte rettungsdienstliche Struktur auswirken.

Projektansatz

Um die Arzt-Patienten-Kommunikation im interkulturellen Setting zu verbessern, wurde 2015, ausgehend von einem Forschungsprogramm der Leuphana Universität Lüneburg, eine E-Health Software prototypisch entwickelt. Diese Software wurde in einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit dem Entwicklungsteam in der medizinischen Versorgung von Geflüchteten im allgemeinmedizinischen Kontext erprobt. Hierbei erhielten die Patient*innen einen Tablet-PC auf dem sie in ihrer Sprache Angaben zu den häufigsten allgemeinmedizinischen Beschwerden machen konnten. Dieser innovative Ansatz soll nun für den Bereich des Rettungsdienstes angepasst, erprobt und evaluiert werden. Unser Ansatz nutzt die Chancen der Digitalisierung, um Rettungsdienststrukturen zu stärken und potentielle Schäden für erkrankte Bürger*innen abzuwenden.